New to Busy?

DENKEN. DISKUSSION. DEMOKRATIE.

3 comments

tatjana.lackner
56
2 months agoSteemit4 min read

 photo crouch_zps67jqu1ze.jpg


SYMPOSION DÜRNSTEIN

Die aktuellen politische Entwicklungen in der ganzen Welt sind es wert, dass man bei einem Philosophicum die Frage stellt: “Demokratie: Zumutung oder Zukunft?”

Getroffen hat man sich dazu in der schönen Wachau. Das prächtige Stift Dürnstein bot eine perfekte Kulisse. Die Barockgebäude und das Grundstück gehören heute dem Augustinerchorherren-Stift Herzogenburg. Nicht nur der Vortragssaal ist prunkvoll. Propst Maximilian präsentierte mit seinem Ehrenring von Dürnstein und der schweren Halsketten täglich, die güldenen Insignien der göttlichen Macht. Als eine der wenigen Besucherinnen weiß ich sogar, wie der Pfarrer wohnt, da ich freundlicherweise in seinem Wohnzimmer das Experten-Interview mit Starredner Colin Crouch aufnehmen durfte und um den Slogan auf der Pfarr-Website zu zitieren: “Grüß Gott in Dürnstein!”


 photo crouch1_zpsh4pyfmrq.jpg


Die “wahre Demokratie” gibt es nicht

Hans Vorländer, deutscher Politikwissenschaftler, bot einen soliden geschichtlichen Abriss vom alten Griechenland bis zur heutigen EU. Klar wurde bald die “wahre Demokratie” gibt es nicht und gab es nie. Er zeigte das Problem der Souveränität auf: Ginge die ganze Gewalt vom Volk aus, dann hätten beispielsweise 500 Mio. EU-Bürger die paradoxe Chance die Demokratie abzuschaffen.

Das Volk sei stets beides: Populis und Pleps! Vorländer verwies auf die Gleichzeitigkeit vieler Probleme in der Demokratie. Den Schutz unserer Grundrechte zu wahren und die Kontrolle durch Institutionen zu sichern, seien ihm dabei ebenso wichtig, wie Tugend und Ethos des Einzelnen.

Demokratie als Zumutung

Nicht alle Redebeiträge waren gut. In Erinnerung blieb mir jedoch Ingolflur Blühdorn, deutscher Politologe, der mit dem ketzerischen Titel “Befreiung aus der Mündigkeit” ans Rednerpult schritt. Er gab zu bedenken gab, dass die Zweifel an der Demokratie Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten bedeuteten. Interessant war seine These, für wen aller die Demokratie eine Zumutung ist:

  • Gesellschaftliche Eliten (Absprachen ohne das Volk)

  • Bürgerliche Mittelschicht (z.B: EU-Regulierungsmüdigkeit)

  • Neue Unterschicht (Demokratiefrustration)

  • Umwelt- & Klimaschutzbewegten (globale Problematik)

Widersprüchliche Gruppen, die aus unterschiedlichen Motiven der Demokratie skeptisch gegenüberstehen und ihre Problemlösungsfähigkeit bezweifeln. Blühdorn trat für “Selbstbeherrschung des Einzelnen” ein und beschwört den kategorischen Imperativ. Er ist davon überzeugt, dass unsere Freiheit und Selbstverwirklichung zu Lasten vieler armer und geopolitisch benachteiligter Menschen, geht. Sein Therapievorschlag: Das “demokratische Projekt” muss innergesellschaftlich umgestaltet werden.

Der Bürger als Eigentümer

Maximilian Stern, Gründer eines Think Tanks für Innovation in der Verwaltung, steht für demokratische Partizipationsformen ein. In Zukunft müssten Organisationen, öffentliche Verwaltungsstellen und Parteien die Bürger auch online deutlich stärker einbinden. Sein Optimismus war zwar sympathisch, aber sein Schweizer Referenzmodell dafür recht überschaubar innovativ.


 photo crouch3_zpst31q1rpf.jpg


Postdemokratie in der Krise

Der Star-Redner auf den alle gewartet haben war der britische Soziologe, Colin Crouch, der leider auf Deutsch vortrug.

“Postdemokratie” ist der Titel seines Bestsellers und das Thema war auch hier sein Fokus. Wie geht es der postindustriellen Gesellschaft nach der Krise? Haben die Gläubiger weltweit den Glauben verloren? Er warnte davor, die politische Klasse mit der Gesellschaft zu verwechseln und das Wissen von Geschäftsleuten über das der Volksvertreter zu stellen. Er ging sogar so weit zu sagen, dass wir die politische Identität verloren hätten. Rund um uns gäbe es kaum mehr brauchbare Angebote.

Zudem ist Crouch davon überzeugt, wenn Populisten meinen, sie seien die Äußerung des Volkes, dann gingen Minderheiten ebenso unter, wie Andersdenkende. Es sei immer gefährlich, wenn einer für alle spräche.

Fazit: Alles in allem eine feine Veranstaltung, die Gelegenheit bot, sich Zeit fürs Denken zu nehmen. Wie wohltuend.

Für mich war spannend in den Pausen zu erleben, wie sehr viele Besucher in ihren eigenen Werte-Frames gefangen sind. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung ist “Demokratie” zu analog besprochen worden. Viele, in die Jahre gekommene Redner & Rentner, hielten “Digitalisierung” überhaupt nur für “ein Tool” und verkannten, dass es sich um ein Movement handelt bei dem sie offenbar nicht mehr dabei sind.


 photo crouch2_zpsnfgyelg1.jpg


Tatjana Lackner - www.sprechen.com

Comments

Sort byBest