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Debunk-Dienstag – Tötet Alkohol Gehirnzellen?

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egotheist
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Jeden Dienstag werde ich einen bestimmten Mythos, eine Urban Legend, Verschwörungstheorie oder ein Stück Pseudo-Wissenschaft thematisieren. Dieses Mal geht es um die allgemeine Wahrnehmung, dass Alkohol Gehirnzellen abtötet.


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Studentenleben

Als ich mein erstes Biospsychologie-Seminar vor einigen Jahren hatte, erlangte unsere Dozentin für einen kurzen Moment beeindruckenden Ruhm als sie uns erzählte, dass es tatsächlich ein allgemeines Missverständnis ist, dass Alkohol eure Gehirnzellen abtötet.
Stellt euch all uns Studenten vor, die in jenem Augenblick dachten „AAAYYYEEE! Nächster Tag Tequila-Party! Wir klären das.“

Nun, wie ich sagte: Es war nur ein kurzer Moment der nie enden wollenden Freude.
Obwohl sie mit ihrer Aussage vielleicht Recht hatte, warnte sie uns dennoch vor den Gefahren, die mit Alkoholmissbrauch verbunden waren. Verdammt. Es hätte so ein wunderbarer Tag sein können.
Offengestanden habe ich keine Idee, wer zuerst mit der Idee von sterbenden Gehirnzellen aufgrund von Alkohol ankam, aber das war etwas, das ich während jeder Phase meines Lebens hörte. Es gibt eine unglaubliche Menge an Leuten, die das immer noch glauben und es scheint eine gute Idee zu sein, das Licht der Wissenschaft auf diese Angelegenheit scheinen zu lassen.

Bevor wir beginnen, müsst ihr euch noch etwas bewusst machen:
Es gibt einen gewissen Unterschied, wie Alkohol ein Erwachsenengehirn im Vergleich zu dem eines Heranwachsenden beeinflusst. Da wir aber natürlich alle verantwortungsbewusste Erwachsene sind, die niemals Kinder dazu ermutigen würden Alkohol zu trinken, werde ich mich auch nicht auf sie beziehen.


Das Leben ist nicht fair

Als ich die Recherche für diesen Artikel begann, hatte ich diese Idee im Kopf, welche meine Dozentin damals erzählte:

“Alkohol tötet keine Gehirnzellen ab.“

Und so wollte ich euch zuerst die allgemeine Fehlvorstellung erklären, dass Alkoholkonsum zum Zelltod in eurem Gehirn führt. Aber das Leben ist nicht Schwarz und Weiß – genau wie diese Angelegenheit.
Es existieren tatsächlich einige Studien, die behaupten, dass moderater (!) Alkoholgenuss vorteilhaft für eure Gesundheit sein kann. Falls ihr mehr lesen wollt, empfehle ich euch diesen Artikel von @lesshorrible.
Da ich allerdings ein griesgrämiger Typ bin, sorge ich dafür, dass ihr euch für jeden Tropfen Alkohol, den ihr trinkt, schuldig und schlecht fühlt. Nehmt das!

Spaß beiseite, lasst uns tiefer in die Neurotoxizität von Alkoholmissbrauch eintauchen.
Wie ihr mittlerweile wahrscheinlich bemerkt habe, rede ich permanent von „Alkoholmissbrauch“ und nicht nur „sich einen Drink genehmigen“. Das begründet sich hauptsächlich auf der berühmten Aussage von Paracelsus vor einigen hundert Jahren:

Sola dosis facit venenum.

Dementsprechend ist es so, dass je stärker man einer bestimmten Substanz ausgesetzt ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass man sich eine Vergiftung und damit verbundene Schäden zuzieht. Dawson et al. (2005) (1) definieren als riskantes Trinkverhalten für Männer (mehr als 14 Drinks pro Woche / mehr als vier Drinks am Tag, mindestens einmal im Monat) und Frauen (sieben Drinks pro Woche / mehr als drei am Tag). Falls ihr also einige Ähnlichkeiten zu eurem Verhalten seht, könnte es eine gute Idee sein, in Betracht zu ziehen, dieses zu ändern.

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Lasst uns Neuronen töten

Euer Gehirn ist ein faszinierendes kleines Ding. Es besteht aus einer Trillion Nervenzellen (Neuronen), die verantwortlich sind für Gedanken, Entscheidungen, Stimmung, Aufmerksamkeit und so weiter. Jedes einzelne dieser Neuronen wird von zehn anderen Zellen unterstützt, sogenannte Gliazellen. Beide Arten können durch chronischen Alkoholmissbrauch geschädigt werden (2).

Wenn ihr damit beginnt, Alkohol chronisch zu missbrauchen, gibt es einige ernsthafte Konsequenzen, die recht wahrscheinlich daraus folgen können. Zuerst beginnt es mit moderaten Defiziten (Stimmung, Verhalten, Entscheidungen), kann aber zu solch extremen Phänomenen wie dem Wernicke-Korsakoff-Syndrom (3) führen. Das erste davon ist ein sehr unangenehmer Zustand, der Verwirrung, gestörten Gang und visuelle Fehlwahrnehmungen zufolge hat – ausgelöst durch einen Mangel an Thiamin. Zweites charakterisiert sich durch anterograde Amnesie (ihr seid nicht imstande, neue Informationen aufzunehmen). Niemand will das durchmachen.

Aber selbst ohne diese extremen Zustände scheint es recht offensichtlich zu sein, dass eurer Gehirn während chronischem Alkoholmissbrauch bedeutsame Veränderungen durchmacht. Harper und Kril (1993) (4) konnten sowohl die Vergrößerung der zerebralen Ventrikel (Aushöhlungen innerhalb des Gehirns, die Gehirn-Rückenmarksflüssigkeiten enthalten) als auch der Sulci (Furchen auf der Gehirnoberfläche) bei den meisten Alkoholikern nachweisen. Diese Vergrößerungen repräsentieren eine Verringerung der Hirnmasse, was in postmortalen Studien durch die Vermessung der Gehirne von Alkoholikern bestätigt wurde. Die Ursache hinter der reduzierten Gehirnmasse ist sehr wahrscheinlich mit einer Kombination aus neuronalem Verlust und geringerer Neuronengröße verbunden.
Ihr seid aber imstande dagegen anzukämpfen, indem ihr damit beginnt, für mindestens ein bis fünf Monate abstinent zu leben. Aber freut euch nicht zu früh: Tote Neuronen bleiben tot.

Eines der am stärksten betroffenen Hirnareale ist der Frontallappen des Cerebrums (Endhirn, verantwortlich für die Bewegungssteuerung, Verhaltensintegration, Intellekt und Emotion) (Jernigan et al. 1995) (5). Die Reduzierung von sowohl grauer als auch weißer Hirnmasse scheint bei Alkoholikern der Fall zu sein. Verglichen mit Nichtalkoholikern gab es eine 22-prozentige Reduzierung der Neuronen innerhalb des superioren frontalen Cortex und motorischen Cortex (Harper et al. 1987) (6).

Zusätzlich zum generellen Schrumpfen von Hirnregionen kann chronischer Alkoholmissbrauch zum Verlust von verschiedenen Nuklei (bestimmte Neuronenstrukturen) führen. Die meisten Studien haben sich bisher mit den cholinergischen Nuklei im basalen Vorderhirn beschäftigt und soweit es die Forschung betrifft, ist dieses Areal, welches an wichtigen physiologischen Funktionen beteiligt ist, ebenso stark von Alkoholmissbrauch betroffen (Arendt 1993) (7).

Aber damit nicht genug, andere Nuklei erleiden ebenfalls signifikanten Zellverlust, wie beispielsweise der Locus Ceruleus (Arango et al. 1996) (8) und die Raphe-Nuklei (Baker et al. 1996) (9). Erstere sind hauptsächlich an der Informationsverarbeitung und Lernprozessen beteiligt, während letztere die Stimmungsregulierung, Schlaf, Verhalten (z.B. Alkohol trinken) und Denkmuster beeinflussen. Sie all leiden unter Alkoholmissbrauch und bilden sich zurück. Ich habe euch gesagt, ich bin hier, um euren Tag zu ruinieren.

Noch einer? Gerne.
Einige Tierstudien konnten zeigen, dass langfristiger Alkoholmissbrauch nicht immer notwendig ist, um euer Gehirn zu schädigen. Nur einige Tage der Vergiftung können zu einem neuronalen Verlust in bestimmten Arealen eurer Großhirnrinde (Collins et al. 1996) (10) führen. Verdammt.


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Kurzer Hirn-Snack

Also gibt es gar keinen Mythos am Ende? Hirnzellen sterben tatsächlich durch Alkohol ab?
Nun, ja und nein.
Da es definitiv zu viele Menschen gibt, die zu viel trinken (verdammt sollst du sein, Spiegel), ist es wichtig, sich der Konsequenzen bewusst zu sein.

Ihr könnt tatsächlich Alkohol nutzen, um euch dümmer zu machen (manchmal erscheint das als eine unglaublich attraktive Option), aber um das zu erreichen, müsst ihr sehr viel und sehr regelmäßig trinken. Ein paar Drinks hier und dort (ein paar bedeutet nicht jeden Tag) wird euch wahrscheinlich nicht (so viel) schaden und euer Gehirn hat einige beeindruckende Wiederherstellungsfähigkeiten.
Dennoch, wenn ihr jemals den Gedanken hattet, dass ihr vielleicht zu viel trinkt – dann lagt ihr damit wahrscheinlich richtig. Das bedeutet nicht, dass ihr ein chronisches Alkoholproblem habt, sondern dass ihr eure Gewohnheiten überdenken solltet.
Ich bin nicht derjenige, der euch erzählen wird, dass ihr euer Leben komplett nüchtern leben sollt, aber ihr solltet euch der Konsequenzen bewusst sein, wenn ihr ein paar Drinks mehr habt.

Bleibt verantwortungsbewusst und ihr werdet klarkommen. Ignoriert es, vergiftet euch immer und immer wieder und ihr werdet irgendwann merken (oder vielleicht nicht, weil ihr dann schon zu doof seid):
Tote Neuronen bleiben tot.
(Ich sorge für so viel Spaß auf Partys.)


Fühlt euch jederzeit frei, meine Ideen zu diskutieren und eure Gedanken über die Dinge, die ich thematisiere, zu teilen. Niemand ist allwissend und wenn wir alle ein bisschen klüger als zuvor daraus hervorgehen, werden wir eine Menge erreicht haben.
Danke fürs Lesen und bleibt gesund.
Ego



Falls ihr euch für Wissenschaft begeistern könnt, dann schaut unbedingt unter #steemstem bzw. #de-stem vorbei!

Quellen

(1) Dawson, D. A., Grant, B. F., Stinson, F. S., & Zhou, Y. (2005). Effectiveness of the derived Alcohol Use Disorders Identification Test (AUDIT-C) in screening for alcohol use disorders and risk drinking in the US general population. Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 29(5), 844–854.

(2) 10th Special Report to the U.S. Congress on Alcohol and Health

(3) https://en.wikipedia.org/wiki/Wernicke%E2%80%93Korsakoff_syndrome

(4) Harper, C.G., and Kril, J.J. Neuropathological changes in alcoholics. In: Hunt, W.A., and Nixon, S.J., eds. Alcohol-Induced Brain Damage. NIAAA Research Monograph No. 22. NIH Pub. No. 93-3549. Rockville, MD: National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, 1993. pp. 39–70.

(5) Jernigan, T.L.; Butters, N.; DiTraglia, G.; Schafer, K.; Smith, T.; Irwin, M.; Grant, I.; Schuckit, M.; and Cermak, L.S. Reduced cerebral grey matter observed in alcoholics using magnetic resonance imaging. Alcohol Clin Exp Res 15(3):418–427, 1991.

(6) Harper, C.G.; Kril, J.J.; and Daly, J. Are we drinking our neurons away? BMJ 294(6571): 534–536, 1987.

(7) Arendt, T. The cholinergic deafferentation of the cerebral cortex induced by chronic consumption of alcohol: Reversal by cholinergic drugs and transplantation, In: Hunt, W.A., and Nixon, S.J., eds. Alcohol-Induced Brain Damage. NIAAA Research Monograph No. 22. NIH Pub. No. 93-3549. Rockville, MD: National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, 1993. pp. 431–460.

(8) Arango, V.; Underwood, M.D.; Pauler, D.K.; Kass, R.E.; and Mann, J.J. Differential age-related loss of pigmented locus coeruleus neurons in suicides, alcoholics, and alcoholic suicides. Alcohol Clin Exp Res 20(7):1141–1147, 1996.

(9) Baker, K.G.; Halliday, G.M.; Kril, J.J.; and Harper, C.G. Chronic alcoholism in the absence of Wernicke-Korsakoff syndrome and cirrhosis does not result in the loss of serotonergic neurons from the median raphe nucleus. Metab Brain Dis 11(3):217–227, 1996.

(10) Collins, M.A.; Corso, T.D.; and Neafsey, E.J. Neuronal degeneration in rat cerebrocortical olfactory regions during subchronic “binge” intoxication with ethanol: Possible explanation for olfactory deficits in alcoholics. Alcohol Clin Exp Res 20(2):284–292, 1996.

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