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Debunk-Dienstag – Der Multitasking-Mythos

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egotheist
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Jeden Dienstag werde ich einen bestimmten Mythos, eine Urban Legend, Verschwörungstheorie oder ein Stück Pseudo-Wissenschaft thematisieren. Dieses Mal geht es um die Idee von menschlichem Multitasking und wie euer Gehirn damit umgeht.   


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Hallo, Mr. Multitask
Kennt ihr diese Art von Leuten, die die ganze Zeit damit angeben, wie gut sie im Multitasking sind und dass sie deshalb so viel effizienter sind in allem, was sie tun?
Ich wette, ihr wisst, wovon ich rede.
Und wenn ihr genauso genervt von diesen Leuten seid, wie ich es bin, dann könnt ihr ihnen nach dem Lesen dieses Artikels etwas entgegensetzen.
Aber lasst uns zuerst eine Arbeitsdefinition von „Multitasking“ setzen:
Es kann als die Fähigkeit verstanden werden, mindestens zwei oder mehr Aufgaben in derselben Zeitperiode auszuführen. Das kann entweder aufeinanderfolgend (wechseln zwischen Aufgaben) oder „parallel“ durch die schnelle Ausführung von Aufgaben hintereinander geschehen (ihr werdet bemerken, dass nichts davon wirklich simultan geschieht) (Dzubak, 2008) (1).
Diese Definition unterscheidet sich sehr stark von jener, welche die meisten Leute kennen. Sie beschreiben diesen Prozess hauptsächlich als „zwei oder mehr Dinge zur selben Zeit tun“. Das ist jedoch nicht konsistent mit der verfügbaren wissenschaftlichen Forschung und deshalb werde ich diese Definition nicht nutzen.
Nachdem wir jetzt mehr über das „Was“ wissen, können wir tiefer in das „Warum“ schauen.




Quelle

Euer Gehirn auf Speed – oder nicht?
Doch was passiert mit eurer Leistung, wenn ihr Multitasking nutzt?
Erneut denken hier die meisten Leute, dass Multitasking die eigene Effizienz erhöht, die gegebenen Aufgaben auszuführen. Daher schmerzt es mich, euch enttäuschen zu müssen.
Die verfügbare Forschung bezüglich Multitasking-Performance zeichnet ein unglaublich klares Bild davon, wie falsch die allgemeine Wahrnehmung am Ende ist. Nicht nur führt Multitasking nicht zur Effizienzsteigerung, sondern ist in Wirklichkeit sogar schädlich für eure allgemeine Leistung. Zum Beispiel konnten Hembrooke und Gay (2003) (2) zeigen, dass Studenten, die Laptops nutzten, um (nicht)-kurs-relevante Inhalte anzusehen, signifikant schlechter in darauffolgenden Aufgaben abschnitten.
Natürlich wäre das kaum überraschend, wenn es lediglich für jene Probanden zutreffen würde, die Inhalte anschauen, die nicht relevant für den Kurs sind. Aber selbst, wenn die Teilnehmer das Internet nutzten, um die Inhalte während des Kurses zu vertiefen, führte das nicht zu einer besseren Test-Performance. Sobald die Browsing-Seesions aber weniger wurden, verbesserte sich auch die allgemeine Leistung der Studenten. Es scheint der Fall zu sein, dass die geteilte Aufmerksamkeit und das Wechseln zwischen Aufgaben, in der Tat nicht von Vorteil für jene waren, die es versuchten.   

Doch diese Befunde treffen nicht nur für Kurszeiten zu. In ihrer Studie über die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie während der Hausaufgaben und des Lernens außerhalb der Kurse, konnten Junco et al. (2012) (3) ähnlich Ergebnisse zeigen. Vor allem die Nutzung von Facebook und das Schreiben von SMS während der Schularbeit waren mit einem negativen Einfluss auf GPA (grade point average)-Ergebnisse assoziiert. Interessant war allerdings, dass Telefongespräche, Emails oder die Nutzung von Instant Messaging (IM) keine negative Beziehung zu GPA-Ergebnissen gezeigt haben.
Dennoch bestehen die Nachteile von Facebook und SMS-Schreiben während der Hausaufgaben nach wie vor. Junco et al. Erklären das mit den Limitierungen des essential processing (4) (die Sinnhaftigkeit des Lehrmaterials erkennen) und representational holding (die Erschaffung einer kohärenten verbalen oder bildlichen Repräsentation basierend auf dem sensorischen Input), da das Arbeitsgedächtnis Schwierigkeiten damit hat, verschiedenen Stimuli genug Aufmerksamkeit zu widmen.   
Die Erklärung, warum Telefonanrufe und IMs keine Beziehung zu GPA-Ergebnissen aufweisen, ist jedoch etwas schwieriger. In ihrer Studie haben Junco et al. versucht, das angemessen darzustellen, dass der Fokus darauf, „wie eine Technologie genutzt wird“ ein guter Indikator zur Vorhersage von GPA-Ergebnissen zu sein scheint. Die Studenten, die Facebook hauptsächlich zum Sammeln und Teilen von Informationen nutzen, hatten bessere akademische Ergebnisse als jene, die es vor allem für soziale Aktivitäten nutzten.

Die Nutzung von Emails und Suchmaschinen kann jedoch als akademische Arbeit definiert werden, da die Kommunikation der Studenten mit ihren Professoren hauptsächlich via Email stattfindet.
Obwohl Telefonanrufe als soziale Aktivitäten zählen, werden sie nur von sehr wenigen Studenten während ihrer Schularbeit genutzt, daher sind die verfügbaren Daten nicht umfangreich genug, um eine angemessene Vorhersage zu treffen.
Es ist wichtig zu beachten, dass es immer noch nicht möglich den kausalen Mechanismus zwischen der Nutzung von Technologie und ihrem Einfluss auf GPA-Ergebnisse hinreichend zu bestimmten. Allerdings erscheint zumindest ein gewisser Grad an Korrelation zu existieren.


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Ein Ausweg
Natürlich leben wir in einer globalisierten, digitalen, informations-geladenen Welt. Es ist nahezu unmöglich, Aufgabenwechsel überhaupt zu vermeiden. Aber es gibt Hoffnung, zumindest etwas.
Ihr könnt verschiedene Strategien lernen, mit dieser Informationsüberladung umzugehen. Eure Fähigkeit diesbezüglich zu verbessern, genau das tun, wird immer wichtiger, da die Anzahl von möglichen Ablenkungen immer mehr zunimmt und, falls unbeachtet, kann es sehr schädlich sowohl für euren Arbeitsplatz (Dawe & Toms, 2006) (5) als auch eure Gesundheit sein (Speier et al., 1999) (6).

Einige Wissenschaftler haben verschiedene Arten von Managementstrategien vorgeschlagen, um mit Ablenkungen umzugehen. Zum Beispiel zeigen Dawe und Toms (2006) vier Stufen, um mit Unterbrechungen umzugehen:

  1. Wahrnehmung – Es gibt eine Ablenkung.
  2. Interpretation – Worin besteht die Ablenkung? 
  3. Integration – Integriere die Ablenkung in die Hauptaufgabe. 
  4. Fortsetzung – Setze die Arbeit an der Hauptaufgabe fort.  

Es ist natürlich wichtig darauf hinzuweisen, dass die Managementstrategie nicht störender als die Unterbrechung selbst sein sollte, wie McFarlane und Latrella bereits 2002 richtig dargestellt haben (7).



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Fazit
Die Befunde der Forschung bezüglich Multitasking-Performance waren am Ende keine große Überraschung für mich.
Es schien offensichtlich zu sein, sogar gerade jetzt: Während ich die ersten Absätze dieses Artikels schrieb, habe ich auf meinem dritten Bildschirm einen Dota-2-Stream „geschaut“ und obwohl ich recht schnell hin und her geschaltet habe, habe ich länger gebraucht, etwas Sinnvolles zu schreiben, als es sein sollen.
Das erscheint trivial, aber ist wichtig zu wissen. Der gleiche Leistungsverlust tritt nicht nur innerhalb (oder außerhalb) von Klassenräumen und Lehrsituationen auf, sondern bei anderen Aufgaben ebenso. Es hat seinen guten Grund, weshalb Handynutzung und Autofahren zur selben Zeit generell als eine schlechte Idee angesehen werden.
Die Zeit, die es braucht, um zwischen diesen beiden Aufgaben zu wechseln kann kritisch sein, um einen Unfall zu vermeiden und ganz egal, wie gut ihr denkt, dass ihr Multitasking könnt – ihr seid höchstwahrscheinlich schlechter als im Vergleich zu aufeinanderfolgenden Aufgaben.
Aber es gibt, zumindest in gewisser Weise, ein kleines Stück Hoffnung für die Multitasking-Genies unter uns:
2015 konnten Adler und Benbunan-Fich (8) nachweisen, dass Multitasking tatsächlich nachteilig für die generelle Leistung bei komplexen Aufgaben (keine Überraschung hier) ist, aber zu einer signifikanten Performanceverbesserung führen kann, wenn die Aufgabe einfach ist.
Wenn ihr also das nächste Mal mit euren unglaublichen Multitasking-Skills angebt, denkt daran, dass es wahrscheinlich nur deshalb so ist, weil die Dinge, die ihr tut, ohnehin sehr einfach sind und daher nicht für großen Eindruck sorgen.
Fühlt euch jederzeit frei, meine Ideen zu diskutieren und eure Gedanken über die Dinge, die ich thematisiere, zu teilen. Niemand ist allwissend und wenn wir alle ein bisschen klüger als zuvor daraus hervorgehen, werden wir eine Menge erreicht haben.
Danke fürs Lesen und bleibt neugierig.
Ego


Falls ihr euch für Wissenschaft begeistern könnt, dann schaut unbedingt unter #steemstem bzw. #de-stem vorbei!

Quellen
(1) Dzubak, Cora M.; Multitasking: The good, the bad, and the unknown. 2008.

(2) Hembrooke, Helene; Gay, Geri; The laptop and the lecture: The effects of multitasking in learning environments. Journal of Computing in Higher Education. September 2003. Volume 15. Issue 1. 46–64

(3) Junco, Reynol; Cotton, Shelia R.; The relationship between multitasking and academic performance. Computers & Education. Volume 59. Issue 2. September 2012. 505-514

(4) Cognitive Theory of MML Continued

(5) Dawe, Emilie; Toms, Elaine G.; The Effect of Interruptions on Knowledge Work. 7th World Congress on the Management of eBusiness. July 2006

(6) Speier, Cheri; Valacich, Joseph S.; Vessey, Iris; The Influence of Task Interruption on Individual Decision Making: An Information Overload Perspective

(7) McFarlane, Daniel C.; Latorella, Kara A.; The Scope and Importance of Human Interruption in Human-Computer Interaction Design. Human–Computer Interaction. Volume 17.2002. Issue 1

(8) Adler, Rachel F.; Benbunan-Fich, Raquel; The Effects of Task Difficulty and Multitasking on Performance. Interacting with Computers. Volume 27. Issue 4. 1 July 2015. Pages 430–439.
 

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